Yoga ist nicht gleich Yoga

Erleuchtung und Gesundheit, Philosophie und Therapie, klassisch und modern - den einen Yoga gibt es nicht

Der Yoga, den wir heute in modernen Yoga-Studios üben, ist nicht der gleiche Yoga, der in der frühen Geschichte Indiens oder in den mittelalterlichen Gemeinschaften von Hatha Yogins geübt wurde. Yoga, wie wir ihn heute in wöchentlichen Yogastunden praktizieren, besteht zum grossen Teil aus Körperhaltungen und -bewegungen, mit denen das allgemeine Wohlbefinden verbessert und Gesundheit erhalten werden soll. Vor über tausend Jahren jedoch, zog sich ein Yogi zumindest zeitweise aus der Gemeinschaft zurück, saß in einer ruhigen, mit Kuhdung bestrichenen Hütte in Meditation und strebte - im Rahmen verschiedener Traditionen und mit unterschiedlichen Mitteln - die Überwindung des Ich-Bewusstseins, die Befreiung vom Leiden und die Erleuchtung an.

>

Neue Ansichten über alte Praktiken

Trotz dieser und anderer offensichtlichen Unterschiede, wird in der populären Yoga-Literatur immer noch der Eindruck erweckt, dass die Praxis, die wir heute als „Yoga“ kennen, über Jahrhunderte hinweg mehr oder weniger einheitlich weitergegeben wurde. Erst, wenn man über die allgemein bekannten Bücher hinausschaut, lässt sich entdecken, dass es inzwischen viele Stimmen gibt, die die Vorstellung eines immer gleichen Yoga in Frage stellen.

Diese Stimmen gehören nicht den bekannten Akteuren des populären Yoga. Sie gehören einer Reihe von Wissenschaftlern, die sich mit längst überholten Glaubenssätzen nicht  mehr zufriedengeben wollen, sondern kritische Fragen nach den wirklichen kulturellen, gesellschaftlichen und historischen Hintergründen stellen.

Seit Beginn der 1990er Jahre bestätigen immer mehr Studien von Anthropologen, Sprach- oder Religionswissenschaftlern und Indologen die These, dass Yoga ein Phänomen mit vielen Gesichtern und Facetten ist. Während der sogenannten „Krise der Repräsentation“ in den Geisteswissenschaften wurde die autoritäre Darstellung fremder Kulturen durch die westliche Brille - wie sie bis ins 20. Jahrhundert hinein verbreitet war - immer mehr infrage gestellt. Diese allgemeine Entwicklung lieferte wahrscheinlich auch einen Antrieb dafür, die „alten“ Ansichten über die Geschichte des Yoga neu zu beleuchten und die inzwischen weit verbreitete Subkultur des populären Yoga genau zu studieren. Quellentexte wurden neu übersetzt;  historische Zusammenhänge kritisch untersucht und die Entwicklung des zeitgenössischen Yoga in Indien und im Westen wurde endlich selbst zum Gegenstand der Forschung.

Durch dieses kritische Hinterfragen und Neu-Erforschen hat sich das Wissen um den Yoga  in den letzten 20 Jahren ständig erweitert und vertieft; und es wird immer klarer, dass die Praxis des Yoga in ihrer langen Geschichte nicht gleich geblieben ist. Sie hat sich verändert, verschiedene Philosophien und Weltsichten integriert, sich in neue Richtungen bewegt.

>

YogapraxisEntwurf2TitelYuj.jpg
Zurück Zur Titelseite

Welche Einflüsse prägen den modernen Yoga?

Am Beginn der kritischen Auseinandersetzung mit dem Yoga stand unter anderem die Frage, warum sich die moderne, körperbetonte Ausrichtung der Praxis so augenfällig von älteren Traditionen des Yoga unterscheidet, in denen Körperhaltungen zumeist auf einen aufrechten Sitz beschränkt waren (s. Sjoman: 1996). Gefolgt von der Frage, warum ausgerechnet die meditative Praxis des Yoga Sutra zu einem Quellentext moderner bewegungsorientierter Yogaausbildungen werden konnte (s. De Michelis: 2004; White: 2013) und einer zunehmenden Erforschung des Hatha Yoga als der jüngsten, bis heute aktiv betriebenen Erlösungspraxis (s. Mallinson: 2013).

Auf der Suche nach Antworten, widmeten sich Forscher wie Elisabeth De Michelis (2004), Joseph Alter (2004), Sarah Strauss (2008) und Mark Singleton (2010) intensiv der Geschichte des zeitgenössischen Yoga seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Auf unterschiedlichen Wegen entdeckten sie, dass sich die zeitgenössische Yogapraxis oder der „Modern Postural Yoga“ (MPY - De Michelis: 2004) an einem Schnittpunkt von indischer Tradition und europäischen Einflüssen herausgebildet hat. An einem Schnittpunkt, an dem die indischen Suche nach einem neuen nationalen Selbstbewusstsein, der Einfluss einer weltweiten Gesundheitsbewegung und das Bedürfnis nach wissenschaftlicher Bestätigung traditionellen Wissens zusammengelaufen sind.

Elisabeth de Michelis sieht die Wurzeln des modernen Yoga vor allem in einer Neuinterpretation des Yoga Sutra durch Swami Vivekananda. Er stellte den Leitfaden des Yoga als eine universell gültige Wissenschaft des Geistes dar. Und unter seinem Einfluss fanden die ethischen Prinzipien, die meditative Praxis und die Atemübungen des Yoga Sutra als „Raja Yoga“ (1896) rasche Verbreitung in einer interessierten Mittelschicht Indiens, Amerikas und Europas. Die körperlichen Praktiken des Hatha Yoga lehnte Vivekananda ab. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts galten sie als primitiv und nicht mit der universellen, philosophischen Botschaft des Yoga Sutra zu vergleichen (De Michelis: 2004).

>

Eine Praxis mit buddhistischen Wurzeln

Doch so gern wir uns heute auch vorstellen, dass das Yoga Sutra über die Jahrhunderte hinweg direkt „zu uns spricht“, so klar ist doch inzwischen, dass dieser Eindruck nicht stimmen kann (Wujastyk: 2018). Der klassische Quellentext des Yoga ist nach heutigem Wissen innerhalb eines Milieus entstanden, das sehr stark buddhistisch geprägt war. Und auch wenn der Buddhismus in Indien selbst an Bedeutung verloren hat, wurden wichtige Leitgedanken des Buddhismus im Gedankensystem des klassischen Yoga weitergetragen (Wujastyk: 2018).  Das Yoga Sutra kann also nur im Rahmen seiner buddhistisch geprägten Gedankenwelt richtig verstanden werden und nicht als universell gültige Anleitung, die sich ohne Mühe mit einer modernen Yogapraxis verbinden lässt.

Philipp Maas (2013), Dominik Wujastyk (2018) oder Andrea Acri (2015) sind einige der Wissenschaftler, die das Yoga Sutra in den letzten Jahren innerhalb seines kulturellen und philosophischen Umfeldes neu betrachtet haben. Ein Ergebnis dieses Forschungsprozesses ist unter anderem, dass das Yoga Sutra und der Kommentar, der die kurzen Leitsätze genauer erklärt, sehr wahrscheinlich nicht von zwei unterschiedlichen Autoren stammen - namens Patanjali und Vyasa - sondern ein zusammengehöriges Werk bilden, das Patanjala Yogashastra (PYS) (Maas:2013).

Auf der Basis alter wiederentdeckter Textzeugnisse ist es inzwischen möglich, eine frühe Version des Patanjala Yogashastra zu rekonstruieren, deren Qualität sehr viel höher ist, als die bisher vorhandener Texte (Maas: 2013). Kritische Übersetzungen einer solchen Rekonstruktion würden davon profitieren, das Patanjala Yogashastra nicht mehr nur als Ausdruck einer einzigen Philosophie, des Samkhya, zu betrachten, sondern den Einfluss verschiedener philosophischer Richtungen zu akzeptieren.

>

Hatha Yoga im Mittelalter - eine asketische Praxis wird zum Allgemeingut

Ein grosser Teil der körperlichen Wurzeln des heutigen Yoga liegt sicher sehr viel eher im Hatha Yoga, als im Yoga des Patanjali. Wie James Mallinson (2013) gezeigt hat, ist der Hatha Yoga eine Neuorientierung des tantrischen Yoga und stammt ursprünglich aus einem Milieu des Vajrajana Buddhismus. Er hat sich jedoch über seinen buddhistischen Ursprung hinaus zu einer Bewegung entwickelt, die sich immer wieder gezielt von der  mainstream-Religion distanziert hat und Yoga zu einem Allgemeingut machen wollte, dessen Praxis über alle Grenzen von Religion, Kultur, Kaste und Geschlecht hinausreicht.

Vielleicht ist es auch ein Verdienst eben dieser Offenheit des ursprünglichen Hatha Yoga, die zur Entwicklung einer weltweiten Bewegung des modernen Yoga beigetragen hat. Denn ein entscheidender Teil der Praxis - von nicht-sitzenden Asanas, über Atemübungen, Mudras und Bandhas, bis hin zu Körpervorstellungen - wurde mehr oder weniger verändert aus dem Hatha Yoga übernommen. Sehr viel mehr Asanas als ursprünglich angenommen, haben sich vor allem in den letzten 200 Jahren entwickelt, so dass die Vermutung, die Körperhaltungen des modernen Yoga stammten zu einem sehr großen Teil aus der europäischen Gymnastikbewegung, nicht ganz zutreffend ist.

Eine Vielzahl von traditionellen Asanas, und sogar dynamisch ausgeführten Körperbewegungen, finden sich in jüngeren Hatha Yoga Schriften, wie z.B. in der Hathatattvakaumudi (18. Jahrhundert), der Hathabhyasapaddhati (19. Jahrhundert), der Sritattvanidhi (19. Jahrhundert) oder auch in populären Ton- und Holzdarstellungen des 19. Jahrhunderts (Mallinson, Singleton: 2017; Birch, Hargreaves: 2018). Durch den gleichzeitigen Einfluss der schwedischen Ling Gymnastik, Bukh’s System der dänischen Gymnastik, die harmonische Gymnastik für Frauen und andere Formen somatischer Bewegung  und Therapie wurden die Hatha Yoga Asanas in europäische Bewegungsformen integriert und an europäische Bedürfnisse angepasst (s. Singleton: 2010).

>

Yoga heute: viele Räume, viele Ziele

Im zeitgenössischen Yoga ergänzen sich also bestimmte Aspekte einer traditionellen Hatha Yoga Praxis und Ansätze einer Körperkultur des 20. Jahrhunderts zu einer neuen Praxis von Embodiment, Therapie, Achtsamkeit und Förderung der Lebensqualität. Ohne diese Ausrichtung auf körperliche Gesundheit und Bewegung hätte die moderne Yogapraxis vielleicht nicht im gleichen Masse ein weltweites Interesse erregen können. Für die indischen Saddhus jedoch, ist ihre Praxis auch heute noch eine Vollzeit-Beschäftigung und der körperliche Aspekt nur ein ganz kleiner Teil ihrer täglichen Übung, wie die Anthropologin Daniela Bevilacqua (2018) betont. Ihr Yoga hat auch heute noch wenig mit dem Yoga moderner Yogastudios zu tun, denn ihr Ziel ist nach wie vor die Suche nach Freiheit, innerer Loslösung und Erleuchtung.

„Yoga“ ist demnach nicht als eine klar definierte, immer gleiche Praxis zu verstehen, sondern, wie die Anthropologin Suzanne Newcombe vorschlägt, als ein Raum von Bedeutungen, der sich für jeden einzelnen Praktizierenden unterscheiden kann (2018). Dieser Raum wird durch persönliche Erfahrungen bestimmt, die nicht einfach so zu übersetzen sind. Was Yoga genau bedeutet, kann in jedem historischen, sozialen und individuellen Raum wieder etwas anderes sein - und doch gibt es immer wieder Ähnlichkeiten und Überschneidungen. Es ist also nötig, genau hinzuschauen und nach konkreten Erfahrungen und Praktiken zu fragen, um zu erfahren, was Yoga in einem speziellen Zusammenhang ist oder sein kann.

*

written-by.png


YogapraxisEntwurf2TitelYuj.jpg

Zurück zur Titelseite

References:

Joseph S. Alter - Yoga in Modern India. The Body between Sience and Philosophy, Princeton Univ. Press, Princeton, 2004

Daniela Bevilacqua - Let the Sadhus talk. Ascetic Practitioners of Yoga in Northern India; http://www.academia.edu/25569049/Let_the_Sadhus_Talk._Ascetic_practitioners_of_yoga_in_northern_India, 2018

Jacqueline Hargreaves - Asanas in Clay; http://www.theluminescent.org/2018/12/asanas-in-clay.html, 2018

Philipp Maas - A Concise Historiography of Classical Yoga Philosophy; in:

Eli Franco (ed.), Periodization and Historiography of Indian Philosophy. Vienna: Sammlung de Nobili, Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien, 2013, S. 53-90

James Mallinson, Mark Singleton - Roots of Yoga; Penguin Classics, 2017

 

Suzanne Newcombe -  Spaces of Yoga: Towards a Non-Essentialist Understanding

of Yoga; in: Karl Baier, Philipp Maas, Karin Preisendanz - Yoga in Transformation, Vienna University Press, 2018; S. 549-474

Mark Singleton - Yoga Body. The Origins of Modern Posture Practice, Oxford Univ.

Press, Oxford, 2010

Norman Sjoman - The Yoga Tradition of the Mysore Palace. Abhinav Publ., 1999

Dominik Wujastyk -  Some Problematic Yoga Sutra-s and Their Buddhist Background; in: Karl Baier, Philipp Maas, Karin Preisendanz - Yoga in Transformation, Vienna University Press, 2018, S. 21-48