„Down to earth“

oder „auf der Suche nach dem Boden der Natur“

Wir leben in einer „bodenlosen“ Gesellschaft, bemerkte der Anthropologe Tim Ingold schon vor einiger Zeit und meinte damit unter anderem die geteerten und betonierten Flächen moderner urbaner Umgebungen, die uns und unsere Füße immer weiter vom Boden der Natur entfernen (2004). Öde Flächen nehmen Überhand. Natürliche Strukturen verschwinden.

Dabei ist der Mensch ein natürlicher Läufer. Unsere Füße sind dafür gemacht, über unregelmäßige Oberflächen zu laufen; über Steine und Wiesen, über raue Flächen und unebene Landschaften. Doch wenn wir heute als moderne Menschen über diese Erde laufen, dann spüren wir so gut wie nichts mehr von ihrer tatsächlichen Struktur: keine harte Erdkruste, kein weiches Gras, keinen nassen Schlamm.

Unsere Füße stecken in engen Schuhen und haben keinen spürbaren Kontakt mehr mit dem nackten Erdboden. Diese Art der Einschränkung entfernt uns vom Gefühl für die Erde und von einer Fülle sinnlicher Wahrnehmungen.

>

Das Laufen auf unebenem Gelände und in der Natur erfordert die verschiedensten Anpassungen des Körpers.

Das Laufen auf unebenem Grund sorgt für mehr Bewegung im Beckenbereich. Mehr Bewegung in Hüfte und Knie erweitert den Spielraum der Zehen. Erhöhte Muskelaktivität und eine größere Variabilität der Schritte verbraucht mehr Energie (was sich durchaus auch positiv auf die Figur auswirken kann). Die Gelenke werden besser stabilisiert. Durch häufigere gebückte Haltungen wird der gesamte Körper mitsamt seinen Sinnen in den Prozess des Gehens einbezogen (Hawkins et al.: 2017).Gehen ist eine sinnliche Leistung des ganzen Körpers in Bewegung. Es ist eine Leistung der Hände, der Lungen und anderer Organe, ebenso wie der Füße (Ingold, Vergunst: 2008).

Gehen ist ebenfalls eine Art des Wissens und der Beziehung zu unserer Umwelt. Ein Eingebundensein in unsere Lebenswelt. Laufen kann bedeuten zu beobachten, zu erinnern, zu lauschen, zu kriechen, zu spüren, zu klettern, zu waten, Vegetation beiseite zu schieben, zu diskutieren, sich auszutauschen. So beschreiben es Ethnographien über Völker, die in direktem Kontakt mit dem Wald leben (Tuck-Po, 2008). Laufen kann umfassend sein und integriert die Erfahrung der Umgebung in das eigene Sein. Diese Beziehung geben wir auf, wenn wir uns von unserer eigenen Natur entfernen.

>

Schuhe und Stühle können nützlich sein, aber sie entfernen uns auch von unserer Natur

Mit dem Einzwängen der Füße in einschnürendes, einengendes Schuhwerk, haben wir uns von unserer Natur entfernt und die Füße von fühlenden Körperteilen zu gefühllosen „Laufwerkzeugen“ gemacht. Denken und Fühlen, Kopf und Körper, in der Entwicklung der modernen Gesellschaft wurden diese Bereiche bewusst voneinander getrennt (Ingold: 2004). Während Charles Darwin noch vermutete, dass der heutige Mensch seine intellektuelle Entwicklung nur den Leistungen seiner Hände zu verdanken hat, glaubt Tim Ingold, dass es ebenso das gleichzeitige Einsperren der Füße war, das den Menschen der Neuzeit noch weiter in die Sphären abgehobenen Denkens geführt hat.

All die wichtige Arbeit des Haltens, Fühlens und Gestikulierens, die bei naturverbundenen Menschen noch auf Hände und Füße verteilt war (und teilweise immer noch ist), wurde von uns ganz auf die Hände übertragen, während der Kopf frei blieb für das Denken und das Schauen (Ingold: 2004). Diese Trennung hat sich nicht nur auf die Anatomie unserer Füße ausgewirkt, sondern auf unser gesamtes Gefühl für uns selbst als körperliche, lebendige, mit der Umwelt verbundene Wesen.

Der intensive Gebrauch von Stühlen hat die Entfernung unseres Körpers von Boden und Natur noch zusätzlich vorangetrieben. Die „sitzende Gesellschaft“ - die heute für uns so normal ist - ist vor allem ein Phänomen der letzten 200 Jahre (Ingold: 2004; Rybczynski: 2016). Vorher dienten Stühle hauptsächlich dazu, Könige und Anführer über das „gemeine“ Volk zu erheben. Oder sie wurden nur zu besonderen Gelegenheiten benutzt. Heute ist die Weltbevölkerung unterteilt in solche Menschen, die auf dem Stuhl sitzen und solche, die auf dem Boden sitzen. Wobei das Sitzen auf dem Stuhl, ähnlich wie das Tragen einzwängender Schuhe, häufig als Zeichen einer größeren Kultiviertheit betrachtet wird. Tatsächlich ist ein Mangel an Stühlen keineswegs Zeichen von primitivem Denken oder Ignoranz in einer Kultur, wie der Architekt Witold Rybczynski betont (2016). Auf dem Boden zu sitzen, ist eine Herausforderung für den Körper, die Sinne und das Denken. Sitzen wir auf dem Boden, auf einer Matte oder einem Kissen, gewöhnen wir uns daran die Schuhe auszuziehen und lockere Kleider zu tragen, die unsere Bewegungen weniger einschränken. Wir gewinnen eine größere Flexibilität und eine umfassendere Körperwahrnehmung.

Dort, wo der Körper mehr bewegt und mehr gefordert wird, können wir unsere Gefühle verändern und damit auch unser Denken beeinflussen; denn Denken, Fühlen, Stimmungen und Körperhaltung sind über neuronale Verbindungen und über das Hormonsystem direkt miteinander verbunden (Hüther: 2017). Es könnte also möglich sein, dass mit einer größeren Bandbreite an Bewegungen auch das Denken weniger eingeschränkt wird.

all diese Möglichkeiten können uns mit dem Boden und den Wurzeln des Lebens verbinden und uns stärken. Bewegung, Laufen, Gehen im Freien sind sinnliche Handlungen, die von entscheidender Bedeutung für die Gesundheit sind, uns in unseren Körper zurückbringen und uns ein Gefühl von verkörperter Ganzheit geben können.

written-by.png


YogapraxisEntwurf2TitelYuj.jpg

Zurück zur Titelseite

References:

Kelly A. Hawkins et al. - Walking on uneven terrain in healthy adults and the implications for people after stroke; Neuro Rehabilitation. 2017; 41(4): 765–774.

 

Gerald Hüther - Wie Embodiment neurobiologisch erklärt werden kann; in: Tchacher, Storch, Hüther, Cantieni - Embodiment: Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen, Hogrefe Vlg., 2017

 

Tim Ingold - Culture on the Ground. The World Perceived Through the Feet. www.nyu.edu/classes/bkg/tourist/feet.pdf

 

Tim Ingold, Jo Lee Vergunst - Ways of Walking: Ethnography and Practice on Foot; Ashgate Publ., 2008

letzter Beitrag
nächster Beitrag